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Der Zugang zur Mystik:

Neuer Umgang statt neuer Inhalte...

Nicht die Inhalte unseres Lebens müssen wir verändern, sondern die Art und Weise, wie wir mit unserem Leben umgehen. Nicht neue Wege brauchen wir, sondern einen neuen Umgang braucht die Welt. Nicht die Inhalte unseres Alltags, sondern die Art und Weise, wie wir darin mit uns selbst umgehen, müssen wir verändern...

In meiner spirituellen Arbeit ringe ich oftmals darum die richtigen Worte für etwas zu finden, was ich mir als spirituelles Leben erarbeite und als eintauchen in eine mystische Welt empfinde, die im Alltag existiert, näher als alles, was in meiner Umwelt geschieht. Es ist kein abgehobenes oder esoterisches Leben, sondern es ist sehr konkret und vielleicht könnte ich es als einen Weg zu mehr Offenheit und Ehrlichkeit bezeichnen, vor allem im Umgang mit mir selbst und im Umgang mit Gott. Diese Ehrlichkeit und Offenheit gegenüber der geistigen Welt hat in meinem Leben die Tore zu einem mystischen Leben geöffnet.

Auch ich habe eine Zeitlang gedacht, wir müssten unser Denken und unser Wissen erneuern, doch ändert dies leider gar nichts, so wir nicht unseren Umgang mit uns selbst verändern. Über viele Erfahrungen wurde mir immer wieder bewusst gemacht, wie wenig es nützt, sich neues Wissen oder gar neue Verhaltensweisen anzueignen, nur weil sie besser erscheinen, als die alten. Es geht gar nicht um neue Lehren, um neues Wissen oder um neue Techniken, die wir lernen müssen, es geht auch nicht darum, uns auf irgendeine Seite zu schlagen, um dann die andere Seite zu verurteilen, eben genauso wie wir es vorher getan haben, nur eben mit neuen und scheinbar besseren Inhalten.

Es geht darum unseren Umgang zu verändern, denn nur weil ich vielleicht mehr gelernt habe oder vielleicht mehr Erfolg habe, egal ob es materiell oder spirituell ist, bedeutet es nicht, dass ich auch ein anderer Mensch geworden bin, dass ich liebevoller mit mir selbst oder mit anderen umgehe. Vor allem bedeutet es nicht, dass ich unangenehme Gefühle selbstverständlicher annehme und somit auch mich selbst mehr annehme.

Den mangelnden Umgang mit Schuldgefühlen und mit Angst, mit Schmerz und mit Wut verstehe ich als das wahre Übel unserer Zivilisation. Natürlich gehen wir irgendwie damit um, d.h. entweder reden wir alles gut oder gesund (Euphorie), oder wir reden alles schlecht (Trotz/Verbitterung), oder wir ignorieren einfach alles, was uns nicht passt und tun so, als wenn es gar nicht existieren würde (Lauheit).

Egal wie wir bisher damit umgehen, es ist immer noch die grundlegende Einstellung, dass unangenehme Gefühle verschwinden müssen, indem wir sie eben irgendwie wegmachen. Man könnte es auch Erlösungszwang nennen, bei dem jeder so seine eigene Strategie entwickelt hat, um sich selbst scheinbar zu erlösen.

In der Euphorie geschieht dies dadurch, dass wir uns solange Gesundreden, man könnte auch sagen ablenken, bis wir das unangenehme nicht mehr fühlen, und in der Verbitterung geschieht es dadurch, dass wir eben von vorneherein alles schlecht reden, bis endlich alle akzeptiert haben, dass es sowieso keine Hoffnung gibt. In der Lauheit tun wir einfach so, als wenn Probleme gar nicht vorhanden wären.

Unangenehme Gefühle selbstverständlich anzunehmen, um ihren Ursprung zu erkennen und zu begreifen, und trotzdem sein Herz immer wieder zu öffnen, um wieder zu heilen, d.h. sie auch wieder gehen zu lassen, ist etwas, was wir nie gelernt haben. Doch genau darin liegt der Sinn unseres Lebens, da wir nämlich unseren Umgang mit den Dingen und vor allem auch den Umgang mit uns selbst verändern müssen und nicht die Inhalte unseres Lebens. Wenn wir den Ursprung unserer unangenehmen Gefühle wieder greifen können, kommen wir uns selbst wieder näher und somit auch unserer Liebe, unserem wahren Wesen und auch unserer Kraft. All dies kann unsere unangenehmen Gefühle verwandeln, wenn wir bereit mit ihnen anders umzugehen.

Leider wurde uns immer vermittelt, dass wir falsch sind, wenn wir unangenehme Gefühle fühlen, doch nicht weil wir etwas Unangenehmes fühlen, sind wir falsch, sondern wie wir damit umgehen, das ist falsch.

Unangenehme Gefühle sind menschlich und sie sind normal, auch wenn es natürlich nicht der Sinn des Lebens ist, zu leiden. Wenn wir unsere Vergangenheit mit einem offnen Herzen betrachten, so können wir verstehen lernen, dass es logisch ist, dass wir mit unangenehmen Gefühlen immer wieder in Berührung kommen werden, da sie im Endeffekt nichts anderes sind, als Erinnerungen an unsere Vergangenheit, Erinnerungen an unsere Verletzungen, an die Wunden unserer Seele, und wenn wir es lernen mit ihnen umzugehen, und das bedeutet, auch Mitgefühl mit sich selbst zu entwickeln, können wir durch sie ein Stück Heilung erfahren.

Gerade auch ein natürlicher Umgang mit unserer Vergangenheit fehlt in unserer heutigen Gesellschaft völlig. Meist wird sie nur verdrängt oder manchmal auch fanatisch durchgearbeitet, um frei von ihr zu werden, was uns jedoch beides nicht weiterbringt, da wir weder durch das eine noch durch das andere lernen, unser Herz wieder zu öffnen und Selbstverantwortung zu übernehmen.

In einem Film habe ich kürzlich von einem Shaolin - Priester einen Satz über den Umgang mit der Vergangenheit gehört, der mich sehr erfreut hat, da ich ihn an dieser Stelle nicht vermutet hatte und weil er mir aus dem Herzen spricht:

„Nur in seiner Vergangenheit zu bleiben,

bedeutet seine Gegenwart zu verlieren.

Seine Vergangenheit zu ignorieren,

bedeutet seine Zukunft zu verlieren.“

Nicht unser Denken, unser Fühlen oder unser Handeln ist falsch, sondern wie wir damit umgehen ist falsch. Wir haben nie gelernt, es zu hinterfragen, was nicht bedeutet, sich selbst zu kritisieren, zu analysieren oder gar sich selbst zu bewerten oder runterzumachen, sondern ich meine Verständnis und Mitgefühl, auch Anerkennung für sich selbst zu entwickeln, Verantwortung für sich selbst und für die eigene Vergangenheit zu übernehmen und eben liebevoll mit sich selbst umzugehen. Einfach tiefer zu gehen in sich selbst, tiefer zu schauen oder tiefer zu fühlen, einfach noch ehrlicher zu sich selber zu werden, um auf immer tieferen Ebenen zu begreifen, wer und wie ich wirklich bin.

Es hilft nichts, positiv oder richtig zu denken, wenn ich mein Herz dabei nicht öffne, es ist dann nur eine Umprogrammierung meines Denkens, was zwar ein Anfang aber genauso auch ein Rückschritt sein kann, auf alle Fälle ist es sicher nicht das, um was es wirklich geht. Natürlich beherrschen wir es zum Teil auch ziemlich perfekt, so zu tun, wie wenn unser Herz offen wäre und erscheinen absolut liebevoll oder fürsorglich, doch ist dies eben auch nur Schein und somit gelogen, wenn es nicht echt ist, also wenn es nicht ehrlich ist. Die Liebe kann nicht aus meinem Herzen kommen, wenn ich mich selbst doch gar nicht liebe.

Wenn wir ehrlich sind und tiefer gehen in uns selbst, werden wir sowieso unsere Liebe wieder finden, wir brauchen sie also nicht zu imitieren, denn es ist sowieso Liebe in uns, denn unser wahres Wesen ist Liebe, wir müssen sie nur wieder finden. Und diese Liebe zu teilen müssen wir auch nicht lernen, denn wenn es wirklich Liebe ist, was wir fühlen, sehnen wir uns mit jeder Faser unseres Körpers und mit jedem Anteil unseres Wesens danach, sie zu teilen. Die Liebe ist wie die Sonne, sie verströmt, weil sie verströmen will und weil es ihr Wesen ist!

Heliamus Raimund im Mai 2004


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